Geschichte


Geschichte des Vereinshauses

(erzählt von Andrea Maier)

Das Vereinshaus ist ein Gebäude voller Geschichte und Geschichten.  Das Gemäuer würde Geschichten erzählen können über Menschen wie Hans Weiß, der für sein Weißbierzäpflerrecht und damit für seine Existenz gekämpft hat, von jungen Burschen, die dort im Pensionat lebten um ihren Realschulabschluss zu absolvieren, von wundervollen Weihnachtsfeiern des Katholischen Jungendbundes,  von Schauspielern und deren begeisterten Zuschauern, von rauschenden Abenden mit Livemusik und noch vielem mehr.  Es beherbergt Geschichten von Krieg und Frieden, von Scheitern und Gelingen, von Tod und Leben, Leid und Freude, von Wandel und Veränderung. Jeder der schon einmal dort war, bekommt eine Ahnung davon und kann seine eigene Geschichte erleben oder Erinnerungen wach werden lassen.

Die bekannte Geschichte des Vereinshauses beginnt mit besagtem Hans Weiß. Geboren 1600 bei Stephanskirchen, kam er nach Lehr- und Wanderjahren als Oberknecht nach Traunstein ins Weiße Bräuhaus. 1635 heiratete er seine Frau, welche ein Haus am Vorberg besaß und erhielt vom Weißen Bräuhaus die Genehmigung, dort Weißbier auszuschenken. Hans Weiß wurde ein sogenannter „Weißbierzäpfler“. In der Vorgeschichte hatte das Vereinshaus bereits einmal das Braurecht besessen, wie Weiß herausfinden konnte. Seine Idee war daher, selbst Bier in seinem Haus zu brauen und ein Brau-und Gastgeberrecht zu erhalten. Dafür sollte er einige Jahre kämpfen müssen. Hans Weiß schien aber von der dickschädeligen Seite gewesen zu sein und gab auch nach mehreren Ablehnungen, sowohl durch die Stadt Traunstein, als auch durch den Hofrat in München, sein Anliegen nicht auf. Er ging sogar soweit,  ein Volksbegehren ins Leben zu rufen und konnte 60 Bürger der Unteren Stadt dafür gewinnen, an den damaligen Kurfürsten zu schreiben. Seine Hartnäckigkeit sollte sich lohnen und  am 20. September 1644 wurde ihm schließlich die Erlaubnis erteilt „das praune Pier in seiner Behausung zu preuen“. Das Vereinshaus wurde zur damaligen Zeit also zu einer Brauerei mit dazugehörendem Gasthaus und somit zum gesellschaftlicher Mittelpunkt der Vorstadt. Hans Weiß starb im Jahre 1685 im hohen Alter von 85 Jahren.  Sein Weißbräu wurde erst 1854 von der Höllbrauerei aufgekauft. Das Gasthaus „Zum Weissen“, welches durch seinen Namen noch an seinen Gründer Hans Weiß erinnerte, bestand noch bis nach dem 1. Weltkrieg. 

1877 etablierte die Schulstadt Traunstein eine sechsklassige Realschule.  Im Oktober 1877 eröffnete Georg Prottengeyer, ein pensionierter Real- und Handelsschulleiter, im Vereinshaus sein privat geführtes Pensionat namens „Prottengeyersches Knabeninstitut“ mit anfangs 9 „Zöglingen“. Der Pensionatsleiter und sein Institut waren umstritten und es konnte sich nicht etablieren. Nach Anraten des Münchener Ministerialrates 1881 fasste die Stadt den Entschluss für ein städtisches Schülerheim für Knaben  und übernahm 1882 die Pacht, nachdem die Höllbräuwitwe Walburga Huber den Vertrag mit Herrn Prottengeyer nicht verlängert hatte. Das „Städtische Realschul-Pensionat Traunstein“ wurde so gut angenommen, dass innerhalb kürzester Zeit die Räumlichkeiten im Vereinshaus zu klein wurden und ein weiteres Gebäude in unmittelbarer Nähe angemietet werden musste.  Dennoch mussten viele Schüler aufgrund fehlenden Platzes abgewiesen werden.  Daher bewog man sich dazu ein neues Gebäude zu errichten, wo ausreichend Platz vorhanden sein würde. So entstand das neue Pensionat an der Herzog-Friedrich-Straße, aus welchem später das Annette-Kolb-Gymnasium hervorging. Es wurde am 20.September 1891 übergeben;  damit ging für das Vereinshaus die Zeit als Pensionat für Buben der neugegründeten Realschule in Traunstein zu Ende.

Aber die Jugend sollte schon bald wieder in’s Vereinshaus zurückkehren. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb der Katholischen Jugendbund das Haus. In den Jahren 1918 bis 1921 wurde das Brauereigebäude mit den gewölbten Erdgeschossräumen für die Brau- und Sudräume  sowie die Gärstube zum Saal umgebaut. Im Erdgeschoss erhielt man die gewölbten Brauereiräume und Pferdeställe in ihrer baulichen Struktur. Im vorderen Teil des Gebäudes über den Wirtsräumen baute man den dortigen bisherigen Saal in Wohnraum um. Nach den Umbauarbeiten eröffnete  am 06. Juni 1921 das Katholische Vereinshaus. Als solches wurde es durch den Jungendbund, den Katholischen Gesellenverein und den Katholischen Weiblichen Jugendverein für Feiern, Versammlungen und Theateraufführungen genutzt. Insbesondere zu den alljährlichen Weihnachtsfeiern wurden anspruchsvolle Stücke wie „Der Herrgottsschnitzer“ oder „Der Meineid in der Christnacht“ aufgeführt. In der 20er Jahren führten die Jungen und Mädchen Theaterstücke in Zusammenhang mit Jugendsonntagsfeiern auf, unter anderem  der „Berggeist Rübezahl“ , „Im Palast“ oder „Willhelm Tell“. Musik der Stadtkapelle durfte natürlich nicht fehlen.  

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der  Katholische Jugendbund von den Nationalsozialisten zuerst überwacht und letztendlich das Vereinsgeschehen untersagt. Im Oktober 1933 kaufte der GTEV „Eschenwald“ Rettenbach die Theaterbühne mit sechs Bühnenbildern, welche im Gasthaus Jobst in Rettenbach ihre Wiederverwendung fanden.

Während der Kriegsjahre beherbergte das Vereinshaus Soldaten und wurde anschließend als Verpflegungslager genutzt, welches 1945 geplündert wurde.

Nach den überstandenen Kriegsjahren geschah 1947 ein kleines, nicht unbedeutendes Wunder für die Traunsteiner.  Das Theaterunternehmen  „Die Neue Bühne“ aus München  eröffnete unter der Leitung von Hans A. Winger im Vereinshaus ein Theater. Somit wurde es rasch wieder lebendig im Vereinshaus, mit all den Menschen, die zu einem Theater gehören, angefangen bei den Sängern, Musikanten, Schauspielern, Tänzern bis hin zur Friseurin, Beleuchter und dem Garderobenpersonal. Das Premierenstück war die Operette „Der Zigeunerbaron“ samt Orchester und aufwändigen Kostümen. Die meistgespielte Operette mit gut fünfzig Vorstellungen war die „Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán. Aber nicht nur Operette, sondern auch Schauspiel wurde aufgeführt, wie „Die Räuber“ und „Faust“. Das Vereinshaus hat viele bekannte Persönlichkeiten jener Zeit auf seiner Bühne begrüßen dürfen. Da waren der Operntenor Andeas Herrler und die Sopranistin Grete Ziha, Sängerin und Schauspielerin Franziska Frank, Schauspieler Helmut Kirchammer, Staatsschauspieler Friedrich Ulmer und noch viele mehr. Im Saal des Vereinshauses war es oft sehr kalt;  zum Aufwärmen ging man zum Kuchlbauer, Wirt des Gasthauses „Zum Weißen“. Aber auch das konnte die theaternarrischen Traunsteiner nicht von ihrer Begeisterung abhalten und die Vorstellungen waren so gut wie immer ausverkauft. Umso trauriger war dann das überraschende Aus für „Die Neue Bühne“; der letzte Vorhang fiel 1948 nach der Währungsreform.

Die Theatertradition und das Vereinshaus sollten jedoch eng verbunden bleiben: aus der „Neuen Bühne“ bildete sich aus der Not heraus am 17. November 1948 das „Traunsteiner Schauspiel“. Das erste Werk dieser ambitionierten Gemeinschaft war die Aufführung des Stückes „Die Tegernseer im Himmel – Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies“ mit dem Staatsschauspieler Friedrich Ulmer. Später fand Theaterdirektor Georg Truk mit seinem „Chiemgauer Volkstheater“ ein künstlerisches Zuhause im Vereinshaus. Darauf folgten Georg Rückerl und die Lore-Bronner-Bühne.

In dieser Zeit fanden im Vereinshaus legendäre Bälle statt, regional bekannte Bands wie Aquarius und die Montis traten auf, und die großen Musikkapellen, wie die von Max Greger, begeisterten ihr Publikum von der Bühne des Vereinshauses aus.

1970 wurde das bis dahin Katholische Vereinshaus, wegen wachsender anderer Aufgaben und dem hohen Verwaltungsaufwand, an private Eigentümer verkauft.

Nach dem Verkauf dienten der Saal und die dazugehörenden Räume ganz unterschiedlichen Zwecken.  So fanden  z.B.  in den 80er Jahren Gottesdienste der evangelischen Freikirche statt und der Gebirgstrachten-Erhaltungsverein „Trauntal“ veranstaltete sein Vereinsplattln und Dirndldrahn. In den Neunzigern bezog der 1. Pool-Billard-Club Traunstein e.V. die Räumlichkeiten. 2010, nach erneuten Renovierungsarbeiten, wurde es ein Ausstellungsraum für Antiquitäten und Kunstgegenstände mit dem Namen „Antiksaal“.

2015 wurde die Tradition des Theaters zuerst mit dem „Chiemgau-Theater“ und anschließend mit dem „Kulturhaus Chiemgau“ wiederbelebt. Ein kleiner Samen war gepflanzt.

Und heute? Heute ist das Vereinshaus in Besitz von Ingrid und Martin Rey und in enger Zusammenarbeit mit dem Verein „Freunde des Vereinshauses Traunstein e.V.“ wieder  zu einem Ort geworden, in dem Geschichte und Kultur stattfindet und gelebt wird. Es ist ein Ort der Begegnung, welcher Zeiten und Menschen verbindet, ein Treffpunkt für Vereine und Künstler. Es finden Theater, Konzerte, Musicals und Tanzabende statt, wie in den 40ern, als „Die Junge Bühne“ ihr Publikum nach dem Krieg begeisterte und die großen Bälle die Menschen zum Tanzen einluden.  Es gibt das „Junge Ensemble Chiemgau“, in dem die jungen Menschen sich künstlerisch verwirklichen wie damals die Mädchen und Jungen des Katholischen Jungendbundes mit ihren Theaterstücken. Der Verein „O.R.T.  Offener Raum Traunstein“ im Erdgeschoß des Vereinshauses lädt zum Zusammenkommen und Austausch ein. 

Die Geschichte des Vereinshauses und der Menschen, die sich dort begegnen und mit viel Herzblut und Engagement unvergessliche Abende und Erlebnisse gestalten, ist also noch lange nicht beendet.